19.10.2021 Tag 216 Bei den Landesforsten im Elm

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Morgens stehe ich sehr früh auf, um die Schreibarbeiten zu bewältigen, zu denen ich gestern nicht mehr gekommen bin. Ich bin damit noch nicht ganz fertig, als auch schon das Frühstück mit der Familie Weber wartet. Frisch gestärkt, wandere ich erst um 9:30 los. Zunächst gehe ich noch einmal über den Rieseberg nach Lauingen und folge dann einem asphaltiertem Weg nach  Königslutter. Die Sonne scheint und es ist ziemlich mild, schönes Oktoberwetter! Zur Lutterquelle folge ich dann einem Pfad aus der Stadt heraus, an dem mächtige Eichen, Buchen und Linden wachsen. Informative Tafeln weisen auf die Besonderheiten der verschiedenen Baumarten hin. Am Parkplatz Lutterspring treffe ich mich dann mit Dirk Fochler, der mit mir ein Interview für verschiedene Zeitungen der Region führt.

Etwas später erscheint Andreas Baderschneider, seit 2017 Leiter des Forstamts Wolfenbüttel, in dessen Zuständigkeitsbereich auch das Barnbruch fällt, das ich ja vor kurzem besucht hatte. Der Elm, an dessen Fuß wir uns treffen, ist ein kleines Mittelgebirge, das überwiegend von Buchenwald bewachsen ist. Von den insgesamt 10.000 Hektar des Elms, sind 3000 Landeswald, der Rest ist überwiegend Genossenschaftswald. 

Herr Fochler fährt noch mit bis zum ersten Waldbild, dass Andreas Baderschneider mir zeigt. Am Waldweg liegt eine vor nicht allzu langer Zeit aus Verkehrssicherungsgründen gefällte Buche. Dieses soll an normalen Waldwegen nur noch bei akuten Gefahren geschehen, da ansonsten umstürzende Bäume und herabfallende Äste waldtypisch sind, so das aufgrund dieser Tatsache keine Verkehrssicherungspflicht besteht. Wir schauen uns einen mittelalten, geschlossenen Buchenbestand an, in dem es schon viel Naturverjüngung gibt. Herr Baderschneider bedauert, dass es dort nicht mehr Nachwuchs anderer Baumarten wie Ahornen und Eschen gibt, die auf den Muschelkalkstandorten gut wachsen könnten, betont allerdings, dass für diese Lichtbaumarten nicht extra Löcher geschlagen würden. In der Nachbarschaft dieses Bestandes wurde in einer anderen Besitzart relativ brachial vorgegangen, mit Entnahme mehrerer starker Buchen auf kleiner Fläche. Herr Baderschneider betont, dass das nicht das Vorgehen der Landesforsten sei, sondern das diese einen Dauerwald zum Ziel hätten, in dem große und kleine, junge und alte Bäume auf gleicher Fläche wachsen. Er bestätigt auch meine Beobachtung, dass stärkere Auflichtungen oft größere Kronenschäden im Zuge der Dürre seit 2018 zur Folge hatten. 

Als wir dann weiter durch den Elm fahren, zeigt sich aber, dass bis in die jüngste Vergangenheit auch im Landeswald auf großer Fläche alle Altbuchen über der Naturverjüngung geräumt wurden. Ich spreche den Forstamtsleiter darauf an, dass das nach dem LÖWE  Programm der ökologischen Waldentwicklung, auf das die niedersächsischen Landesforsten stolz sind, schon seit fast 30 Jahren nicht mehr praktiziert werden sollte. Herr Baderschneider spricht davon, dass die Akzeptanz solcher Programme auf der Fläche eine sehr langwierige Angelegenheit sei. Dazu fallen mir nur zwei Möglichkeiten ein: Entweder es gibt ein massives Kontrollproblem, was die Umsetzung dieses Programmes angeht, oder  in der Realität ging es nur darum, die Holzmengen zu liefern, die der Markt nachfragt, ohne auf ökologische und ökonomische Folgen Rücksicht zu nehmen. Denn man muss klar betonen, dass solche Schirmschläge auch wirtschaftlich keinen Sinn machen, da viele Stämme entnommen werden, bevor sie ihren optimalen Erntedurchmesser erreichen und  sich die Qualität des Folgebestandes oft auf Grund der mangelnden Überschirmung verschlechtert. Langfristige Effekte, die kurzfristig nicht messbar sind und daher leider oft keine Rolle spielen. 

Im Elm wurden auch einige Flächen im Zuge der Ausweisung von 10 % der Landeswaldfläche als Naturwald in Entwicklung aus der Nutzung genommen. Wir schauen uns so einen Bestand an, der um die 160 ist, und schon seit über 25 Jahren nicht mehr genutzt wird. Das Kronendach ist ziemlich geschlossen, dennoch wartet die bereit stehende nächste Generation nur darauf, dass sich ein kleiner Lichtschacht öffnet um emporwachsen zu können. Bisher gibt es hier nur wenig Totholz, eine normale Entwicklung in vielen Buchenwäldern bis zur Zerfallsphase, die in der Regel erst in höherem Alter einsetzt. 

Etwas später treffen wir den jungen Revierleiter Kai Stender, aber auch in dessen Bereich, wird mir kein Bestand präsentiert, der ausgezeichnet ist oder wo gerade Holz geerntet wurde. Der Revierleiter betont, dass er erst nach dem Laubfall auszeichnet, da er sonst möglicherweise Horst- und Höhlenbäume übersehen würde. 

In diesem Zusammenhang weist Herr Baderschneider darauf hin, dass es bei den Landesforsten sehr wohl Vorgaben gibt, dass Habitate wie die vorgenannten zu erhalten sind. Darüber hinaus gibt es in den Landesforsten wie bereits erwähnt, keinen Mechanismus, der die Markierung einer bestimmten Anzahl von Biotopbäumen vorsieht, wie das in vielen Bundesländern der Fall ist. 

Was das wichtige Thema Rückegassenabstände angeht, gilt auch im Elm generell der 20 Meter Abstand, allerdings in alten Buchenbeständen in FFH-Gebieten sind es 40 Meter.

Herr Baderschneider sagt, dass er zwar grundsätzlich Versuche mit weiteren Rückegassenabständen machen könne, dies aber bisher nicht getan hat. In älteren Beständen, wird allerdings in der Regel das vorhandene, weitmaschigere Rückegassennetz genutzt. 

Leicht provozierend fragt mich der junge Revierleiter, warum ich bei meiner Forderung nach höheren Rückegassenabständen nicht auf die höhere Gefährdung des Personals an der Motorsäge gegenüber der reinen Harvesterarbeit hinweise. Das ist zwar grundsätzlich richtig, aber die Arbeit des Zufällens in schwachen Beständen ist nicht besonders gefährlich. Wenn man so weit geht wie er, aus diesem Grund den 20 Meter Abstand zu favorisieren, müsste man erst recht von der wesentlich gefährlicheren Motorsägenarbeit in älteren Beständen absehen, was natürlich nicht gemacht wird. 

Leider können wir die unterschiedlichen Auffassungen in der Waldbehandlung nicht an entsprechenden Waldbildern diskutieren, in dem nächsten mittelalten Bestand, der lange noch nicht die Zieldurchmesser erreicht hat, sind wir uns einig, hier wenn überhaupt nur sehr schwach Bäume zu entnehmen, um das Ziel einer stärkeren Differenzierung nach Alter und Höhe nicht zu gefährden. 

Herr Baderschneider erwähnt, dass es zur Zeit keinen Nutzungsdruck in den Buchenbeständen gibt, was die Vorgaben der Erntemenge angeht. Es bleibt zu hoffen, dass das auch in der Zukunft so bleibt und das schirmschlagartige Vorgehen wirklich der Vergangenheit angehört. 

Schließlich setzt mich der Forstamtsleiter wieder am Parkplatz Lutterspring ab, und ich setze meine Wanderung in den Elm fort. Am Drachenberg gibt es auf 313 Meter eine Schutzhütte, in der ich schließlich mein Nachtlager aufschlage. 

Zum Rieseberg
Schmale Pfade im Rieseberg
Farbenspektakel
Hainbuche, deren Äste lange als Viehfutter abgeschnitten wurden
Starke Buche
Linde
alte Eichen
Journalist Dirk Fochler und Forstamtsleiter Andreas Baderschneider
Auch in den mittelalten Beständen gibt es viel Buchennachwuchs
Wenig Totholz in Naturwald
Es gibt noch einige alte Bäume im Elm
Die geschlossenen mittelalten Bestände sollten nicht aufgelichtet werden
Kleine Lücke mit Birke und Ahornnachwuchs
Mein Nachtquartier


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4 Gedanken zu „19.10.2021 Tag 216 Bei den Landesforsten im Elm

  • 20. Oktober 2021 um 10:17
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    Hallo Herr Klamer,
    beim Wandern in meiner Gegend sind mir an einer Hanglage sehr brachial anmutende Rückegassen im Abstand von ca. 20-30m aufgefallen. Ich habe deshalb beim zuständigen Forstamt angerufen. Im Gespäch wurde auch die höhere Gefahr beim Motorsägeneinsatz angesprochen. Am ende hatte ich dennoch den Eindruck dass meine Kritik angekommen ist.
    Versuchen Sie weiterhin zu überzeugen und bleiben Sie tapfer.

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    • 20. Oktober 2021 um 22:00
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      Sachliche Kritik ist wichtig und bewirkt mitunter doch etwas! Vielen Dank!

      Antwort
  • 20. Oktober 2021 um 11:28
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    Danke Gerald Klamer für Deine konsequente fachliche Haltung. Falls sich doch noch einmal etwas bewegt am herkömmlichen forstwirtschaftlichen Paradigma, hast Du einem erheblichen Teil dazu beigetragen. Viel Glück und guten Weg auf dem letzten Abschnitt Deiner einzigartigen Waldwanderung durch Deutschland.

    Antwort
    • 20. Oktober 2021 um 22:01
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      Vielen Dank, lieber Kalle, dieses Lob lese ich von dir besonders gerne!

      Antwort

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