Ein grandioses Naturschutzprojekt und ein fantastischer Urwald 

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12.05.2022

Nach einem tollen Frühstück setze ich mich mit Christoph Promberger bei herrlichem Wetter vor der Pension an einen Tisch. Christoph, der aus einer Försterfamilie stammt, hat in München Forstwissenschaft studiert und seine Diplomarbeit über Wölfe in Kanada geschrieben. Danach kam er für Studien an Großraubtieren bereits 1993 nach Rumänien und ist in seinem Traumland seitdem geblieben. Vor allem möchte ich von ihm wissen, wie er seine Vision von dem größten Waldnationalpark Europas verwirklichen möchte. Ein Bestandteil dazu ist der Ankauf von Privatflächen. Allerdings beträgt deren Anteil lediglich 17 Prozent, von denen 10 %, was 27.000 Hektar entspricht bereits erworben wurden und ständig weitere Flächen hinzu kommen. Manche Eigentümer wollen allerdings nicht verkaufen, darunter auch die Hamburger Firma Nordinvest, denen hier 1700 Hektar gehören, darunter sogar 600 Hektar Urwald. Da sich die Firma laut ihrer Internetseite das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat, ist zu hoffen, dass sie von Holzeinschlägen auf ihrem Besitz im Projektgebiet absieht! 

Im Bereich des zukünftigen Nationalparks gibt es laut Christoph 17.000 Hektar Urwald oder Wald der vom Menschen fast gar nicht verändert ist, leider größtenteils auf der Nordseite des Fagaras, wo der Wald überwiegend Genossenschaften und Kommunen gehört, die nicht verkaufen. Dennoch wird es in naher Zukunft ein Instrument geben, dass wirtschaftlich eine Alternative zum Holzeinschlag, und zwar den Verkauf von Zertifikaten zur Kohlenstoffspeicherung, womit Unternehmen ihren ökologischen Fußabdruck, was klimaschädliche Treibhausgase angeht, reduzieren können. Für Carpathia werden die Vorbereitungen dazu noch in diesem Jahr abgeschlossen und Christoph Promberger möchte dann über eine gemeinsame Plattform auch anderen Waldbesitzern diese Möglichkeit anbieten, ihren Wald zu schützen und dennoch Geld zu verdienen.

Für einen Nationalpark ist in Rumänien die Zustimmung der angrenzenden Kommunen erforderlich. Um den Bürgermeistern zu zeigen, welch positiven Effekte ein Nationalpark für eine Region haben kann, hat er eine Exkursion in den Nationalpark Bayerischer Wald organisiert, wo deutsche Kommunalpolitiker auf ihre rumänischen Kollegen getroffen sind. Das passt auch gut zu einer von Conservation Carpathia in Auftrag gegebenen Studie, nach der ein Nationalpark 100 Millionen Mehreinnahmen pro Jahr für die Region generieren könnte. 

Ein weiteres Standbein der Naturschutzstrategie von Carpathia ist die Pacht von Jagdflächen, auf denen dann aber der Abschuss von Tieren komplett eingestellt wird. Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Jagdrecht den Grundeigentümern gehört, liegt dieses in Rumänien beim Staat, der dieses an Jäger, aber eben auch an Carpathia verpachtet. Auf diese Weise konnte schon auf 75.000 Hektar die Jagd eingestellt und Wilderei ebenso wie der illegale Holzeinschlag sind fast komplett verschwunden, da die Gebiete von den FCC- Rangern kontrolliert werden.

Daher ist es natürlich auch kein Wunder, dass Carpathia sowohl in der Holzlobby, als auch unter den Jägern erbitterte Gegner hat, die das Projekt bekämpfen. Dennoch ist Christoph davon überzeugt, dass die Vision von Carpathia in 10-15 Jahren verwirklicht sein wird und dann hoffentlich eine Blaupause für andere Regionen in den Karpaten und darüber hinaus darstellt.

Was die Urwälder des Landes angeht, sieht er deren größte Hoffnung in der EU, und zwar hauptsächlich darin, dass Geld für ihren Erhalt gezahlt wird.

Auf meine Frage, ob er noch mal nach Rumänien gehen würde, antwortet er: „Selbstverständlich, das ist für mich das Land mit der höchsten Lebensqualität in Europa!“, wozu sicher die sagenhafte Natur viel beiträgt.

Leider hat Christoph nicht viel Zeit, dafür trifft eine Stunde später Dietmar Gross ein, der in Rumänien aufgewachsen ist und dann lange Forstamtsleiter in Franken war. Seit 10 Jahren ist er wieder hier und leitet unter anderem naturkundliche Reisen für den BUND.

Wir fahren zum unweit entfernten Eingang des Stramba Tals, wo wir Ianco Flucus treffen, einen Förster der für einen Teil des Gemeindewalds von Sinca Veche zuständig ist, in den wir fahren. Doch zunächst geht es durch die beeindruckende Mähwiesenlandschaft des Tals unter azurblauem, klarem Himmel. Wir sehen zweimal einen Schreiadler kreisen, in Deutschland sehr selten, hier jedoch recht häufig, eine Ringelnatter schlängelt sich über den Weg und auf der Rückfahrt sitzt ein gar nicht scheuer Fuchs neben dem Weg.

Der Eingang zum Urwald wird von einer neuen Informationstafel gekennzeichnet und es gibt einen Pfad, der in das 338 Hektar große Urwaldgebiet führt, das sich von 790-1400 Meter Höhe erstreckt. Seit 2017 gehört es zum Buchenwald- Weltnaturerbe der UNESCO. Ein schmaler Pfad führt bergauf in einen wunderschönen Buchen- Tannenwald. Obwohl der schiefrige Untergrund nicht besonders fruchtbar ist, erreichen die Bäume hier unglaubliche Dimensionen, mit Höhen bis 58 Meter bei der Buche und 62 bei der Tanne.

Auf einer Versuchsfläche wurde ein unglaublich hoher Holzvorrat ermittelt von 1580 Kubikmetern, inklusive 410 Festmeter Totholz. Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass der durchschnittliche Vorrat in deutschen Wirtschaftswäldern lediglich zwischen 300 und 350 Kubikmetern liegt, bei häufig bescheidenen 5 Kubikmetern Totholz. Allein diese Zahlen machen deutlich, wie bedeutend dieser Wald für Artenvielfalt und Biodiversität ist. Vor allem aber ist er unheimlich schön, was meiner Meinung nach ein wichtiges Argument für die Erhaltung von Urwäldern ist. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, den Kölner Dom abzureißen, obwohl ein Parkhaus dort bestimmt sehr lukrativ wäre…

Nach einigen Stunden verlassen wir den Wald wieder und fahren nach Deutsch- Weißkirch oder Viscri, wo Dietmar wohnt. Wir passieren Dörfer voller Storchennester und erreichen schließlich das im Mittelalter von deutschen Siedlern, den Siebenbürgener Sachsen, gegründete Dorf in dem 400 Menschen leben. Aufgrund seiner gut erhaltenen Bausubstanz gehört es zum UNESCO Weltkulturerbe. Während wir im tollen Steingarten des ehemaligen Hofs zusammen sitzen zwitschern die Bienenfresser und zum Sonnenuntergang führt der Dorfhirte die 300 Kühe verschiedener Besitzer, die auf der 400 Hektar großen Gemeinschaftsweide gehütet werden, in den Ort zurück.

Bilder wie aus einer anderen Zeit! Auf der Veranda des ehemaligen Pfarrhauses in dem ich übernachten darf, höre ich später das Konzert der Laubfrösche, die in Deutschland sehr selten geworden sind…


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2 Gedanken zu „<strong>Ein grandioses Naturschutzprojekt und ein fantastischer Urwald </strong>

  • 23. Mai 2022 um 20:40
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    Wenn nicht gejagt wird, gibt es dann keine großen Verbissschäden im Wald?

    Antwort
    • 24. Mai 2022 um 16:42
      Permalink

      In großen Waldgebieten wo es noch richtige Winter und Großraubtiere gibt, spielt der Wildverbiss keine Rolle und Jagd ist tatsächlich nicht notwendig.

      Antwort

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